Markus Freise im Supporter Magazin über den Fußballwirt Uwe Modest:

Wir wissen nicht, was die Emsstadt Rheine sonst noch mit der katalonischen Hauptstadt Barcelona an Gemeinsamkeiten teilt, beide haben jedoch bei unserem Gesprächspartner Uwe Modest nahezu traumatische Eindrücke hinterlassen. Beide Male hieß es nach dem Abpfiff wichtiger Spiele 2 zu 1. Und beide Male leider – aus Uwes Sicht – für die Falschen.

„Ich war im Camp Nou dabei, als die Bayern in der Nachspielzeit die Championsleague aus der Hand gaben. Vorher habe ich mich immer gefragt, was diese Typen auf den Fotos wohl denken, die nach verlorenen Spielen in die Leere starren. Seit damals weiß ich es: Nichts.“

Ein Gefühl, dass gestandene Supporter nur zu gut kennen. Wenn auch sie, zehn Jahre vor jenem Endspiel in Europas größtem Vereinswettbewerb, genau so wie Uwe zu den 10.000 Bielefeldern gehört haben, die zur Aufstiegsfeier nach Rheine ins Münsterland gereist waren und mit einer der größten Pleiten der Vereinsgeschichte nach Ostwestfalen zurückkehrten. Ein einfaches Unentschieden hätte gereicht, doch elf unbezwingbare Rheinenser stemmten sich gegen den Ausgleich der von ihnen erkämpften Führung. „Das war damals der schönste Fußball, den Arminia je gespielt hat. Mit Jungs wie Stratos oder Geideck. Schade!“ Das die Rheinenser durch ihre Abwehrmühen nicht nur Arminia den Aufstieg vermasselten, sondern diesen für eine unsägliche Truppe ermöglichten, dürfte hier eigentlich gar nicht stehen.

Wie auch immer: Uwe war dabei! So wie Uwe bei allen wichtigen Etappen unserer Blauen dabei war. 1963 begann alles, da nahmen Bekannte seiner Eltern den damals achtjährigen Jungen, der im „Fünften Kanton“ als echter Bielefelder aufwuchs mit ins Stadion und bei diesem Spiel gegen die Alemania aus Aachen entdeckte er sein Herz für den Fußball. Er erlebte dann Jahre drauf verständnislos den Bundesligaskandal. Die Aufstiegsrunde 1977. Die 4:0 Siege gegen sowohl die 1860er als auch die Bayern aus München. Den Niedergang in die 3. Liga. Den Tiefpunkt beim 0:2 gegen Wattenscheid im „Lohrheider Nebenstadion“ vor 500 Zuschauern. Und den Aufstieg zurück in zuerst die 2. und dann die 1. Liga. „Als der Lamm kam herrschte Aufbruchstimmung. Das hat man gespürt. Habe noch ein Original von Heesen-Trikot. Zwei teure Jahre war ich Sponsor und es hat doch funktioniert!" Uwe zuzuhören ist wie ein Reise durch die Höhen und Tiefen des DSC. Über die schwierigen Jahre Ende der 90er reden wir lieber nicht, steigen erst wieder bei der jüngsten Entwicklung ein. „Was die Herren Kentsch und Schwick aus unserem Verein gemacht haben finde ich toll!“ lobt er die einen Verantwortlichen und ist gespannt, ob ein anderer, der Trainer seine gute Arbeit bestätigen wird. „Wenn er die Knüppel-aus-dem-Sack-Methode durchhält, traue ich uns einiges zu.“ Das unsere Blauen die Klasse halten ist aber in jedem Fall ganz klar für ihn. „42+“ ist seine Prognose für die laufende Saison.

Doch Uwe ist mehr als dieser Fan, Uwe ist „Einer für alle.“ Das wird klar, wenn man mit ihm über seine zweite Leidenschaft spricht: Sein Leben als Kneiper. „Dreißig Jahre mache ich den Job jetzt schon. Gelernt habe ich Heizungsbauer, habe danach das Abitur nachgeholt. Um mir ein bisschen was dazu zu verdienen habe ich in einer Kneipe gejobbt. Zuerst im Papillon, dann in der Pinte.” Das war 1977. Bald war für ihn klar, dass dort sein Platz war. Hinter einem Tresen mit einem Raum voller Freunde und anderen Fußballverrückten. „Fußball fand damals ja überhaupt noch nicht in den Kneipen statt. Da schauten noch alle zu Hause.“ Erst bei der Weltmeisterschaft 1986 versammelten sich einige wenige Zuschauer im Vorraum der Pinte. 1990 waren es dann schon mehr. Und als PREMIERE dann ab 1991 begann, das Top-Spiel der Woche live und ungekürzt zu zeigen war Uwe, seit 1988 Geschäftsführer der Pinte, der erste und lange einzige Wirt, der seinen Gästen Fußball als Gemeinschaftserlebnis bot. „Der Wirt mit dem Schlüssel“ titelte das „Westfalen Blatt“ damals. „Aus ganz Ostwestfalen kamen die Leute zu uns, um Fußball wie 1954 zu erleben.“ Aber auch einer der schillernsten Spieler der jüngeren Vereinsgeschichte zählte zu seinen Stammgästen. An vielen Abenden fand man Ansgar Brinkmann vorm Tresen der Pinte. Wer nun jedoch Skandalgeschichten erwartet, wird von Uwe eines besseren belehrt. „In der ganzen Zeit habe ich den Ansgar nicht ein einziges Mal betrunken erlebt. Geschweige denn pöbelnd. Das ist ein richtiger netter Kerl, der von den Medien völlig verzerrt dargestellt wird.“ betont Uwe mehrfach und bittet darum, dass genau so zu schreiben. Mehr noch verhalf Brinkmann der Pinte zu einem Starauftritt bei der damaligen Bundesliga-Sendung „ran“ auf SAT.1. Natürlich wurde die Sendung genau so in der Kneipe gezeigt, wie so viele andere Fußballspiele. Das ist nur eine von vielen Geschichten, die Uwe noch zu erzählen hat. Wer damals in der Pinte dabei gewesen ist, wird diese Zeit sicherlich nicht vergessen. Nachzuholen ist das – wie sovieles – nicht.

Denn wäre diese Geschichte vor zwei Jahren geschrieben worden, müsste sie mit der traurigen Nachricht enden, dass die Pinte, Bielefelds erste Fußballkneipe, 2005 ihre Pforten für immer schließen musste. „Das Wetter in Bielefeld ist einfach zu gut geworden. Da hast du ohne Außengastronomie keine Chance. Die Wunderbar in der Arndtstraße ist ein weiteres Beispiel dafür.“

Aber Uwe ist Armine. Und Arminen, vor allem wenn sie in Rheine dabei waren, lassen sich sobald nicht kleinkriegen. Deshalb ist er aufgestanden und seit zwei Jahren Frontmann und „Fußballbeauftragter“ der Hammer Mühle in der Mühlenstraße. Überflüssig zu erwähnen, dass er diese mittlerweile mit reichlich Fernsehern ausgestattet hat. Denn eins ist klar: Wenn nichts dazwischen kommt, wird Uwe nicht nur Bielefelds erster Fußballkneiper gewesen sein, sondern auch der letzte. An dem Tag, an dem Arminia in Barcelona das Rheine-Trauma hinter sich lässt und Uwe erleben wird, wie sich der Typ auf dem Foto, der mit dem Grinsen im Gesicht fühlt. Wir sind uns da ganz sicher.

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