Das ist eine Zeile aus einem Fernsehfilm und ich weiß nicht einmal mehr den Titel, aber sie hat mich sehr berührt.

Ich habe solche Weggabelungen immer als Weichen bezeichnet. Abzweigungen auf dem Lebensweg, die plötzlich auftauchen, manchmal angekündigt werden und ab und an schon im Voraus als langweilig erscheinen. 

Es sind die plötzlichen, die unser Leben verändern und alles auf den Kopf stellen. Begegnungen mit anderen Menschen, Liebe auf den ersten Blick oder „schwanzorientiert“, Un- oder gar Todesfälle naher Freunde, Verwandter oder Bekannter, eigene schwere Krankheitsbilder. Beinbrüche oder nur Verstauchungen. Ein kleiner Fahrradsturz mit Schwips kann ein ganzes Leben verändern. 

Und es sind die, wo unser Zug anhält, wo wir mit rauchender Lokomotive dafür stehen, das regelmäßige Fauchen des Kessels hören und nicht wissen: Rechts oder links oder weiter geradeaus?

Geradeaus meinen wir zu kennen, den Weg haben wir schon ausbaldowert. Rechts lockt vielleicht das Weib oder der Mann mit dem süßen Apfel und wir können sehen, dass es da wieder eine Weiche zu unserer Hauptstrecke gibt.

Links scheint eine lange Strecke zu sein mit einer unüberschaubaren Kurve hinter einem Wäldchen, sieht romantisch aus, könnten wir ja mal reinfahren…und Schwups: Der Zug hat gar keinen Rückwärtsgang! 

Bei der nächsten Weiche wissen wir das ja jetzt. Und da stehen wir wieder, fauchend und voll unter Dampf, es geht diesmal nur nach links oder weiter geradeaus. Die Schienen scheinen neu zu sein, gut poliert, ebenmäßig angelegt und führen fast parallel neben unseren alten, aber bekannten her! Tolle Sache eigentlich! Unsere Lok ist noch gut befeuert, also fahren wir mal weiter auf der neuen, unbekannten, aber gutgeölten Strecke!

Und Scheiße: Die Biegung konnten wir aus der Ferne gar nicht sehen – und sie verlässt die nahe Hauptstrecke und führt uns nun wohin? 

Da kommt plötzlich ein Bahnhof! Ups, es steigen Leute zu. Reisende mit viel Gepäck! Frauen und Kinder zuerst! Wird Zeit, dass mal eine Versorgungsstelle kommt. Wir brauchen Wasser und Kohlen! Mühselig geht’s jetzt bergauf, aber es geht noch!

Schnauf, schnauf, zisch! 

Eine Weiche! Nach rechts den Berg hinunter! Ohja, wir nehmen sie gerne ohne lange anzuhalten! Verflixt, ganz schön schnell plötzlich, wackelig und voller Huppel, dabei verlieren wir unsere Passagiere, Frauen und Kinder zuerst, Versorgung gibst auch keine, aber es geht ja in voller Fahrt nach unten! 

Viel zu schnell! Halt! Anhalten! Mist, jetzt verlieren wir die Radreifen und andere notwendige Stabilisatoren! Da steht ein Schaffner am Rand! Was will der denn? Er hebt warnend ein Stoppschild!

Oh nein! Bremsen versagen, radreifenlose Räder kreischen, die letzten Passagiere springen ab, wir selbst können es nicht, denn wir SIND die Lok! 

Da! Ein Abgrund! Au Mann! Eine morsche Brücke über einer tiefen Schlucht! Halten die rostigen Schienen?

Cassandras Crossing, ein alter Film mit Zugunglück auf einstürzender Brücke, läuft am inneren Auge vorbei! Da sehen wir schon das andere Ufer, den rettenden Untergrund! Da steht ein Mensch! Sieht nett aus! Er winkt! 

Halten die Schienen, hält diese letzte Brücke, verdammt noch mal? 

Wer bei so einer Geschichte an sein Leben denkt, der hätte mal lieber keine Weiche genommen! 

Gerade lese ich im Live-Ticker: Zug auf gerader Strecke entgleist! Lokführer tot! 

Also, was denn nun? 

Trotzdem einen Guten Tag

Uwe Modest

Home